8. Bölüm
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8. Bölüm

„ICH BIN EIN MENSCH WIE IHR AUCH!“

Die Nachricht vom Ableben des Gesandten Allahs (s.a.w.) sorgte für Trauerstimmung unter den Gefährten. Dazu kam das arrogante Verhalten der Munafiqun (Heuchler), die es geschafft hatten, sogar den widerstandsfähigen Umar (r.a.) aus der Reserve zu locken. Der schockierte und verzweifelte Umar (r.a.), der es nicht fassen konnte, dass der Gesandte Allahs, den er mehr liebte als sich selbst, verstorben war, saß in einer Ecke der Moschee; dann stand er plötzlich auf und rief den Menschen zu: „Bei Allah, der Gesandte Allahs ist nicht gestorben! Und er wird nicht sterben, bis wir es geschafft haben, die Heuchler von ihrer Heuchelei abzubringen!“ Diese und ähnliche Worte Umars (r.a.) waren Worte, die er im Schockzustand ausgesprochen hatte, weil er das unerwartete Ableben des Gesandten Allahs (s.a.w.) nicht wahrnehmen wollte.

Auch Abu Bakr (r.a.), der die traurige Nachricht bekommen hatte, verließ sein Haus, das sich in der Sunh-Siedlung befand, und machte sich auf den Weg zur Moschee. Er ging direkt in das Haus des Gesandten Allahs (s.a.w.), nahm das Tuch von dessen Gesicht und küsste die Stelle zwischen seinen Augen. Abu Bakr (r.a.) versuchte Umar (r.a.) und die anderen Gefährten, die im Schockzustand waren und aus Trauer nicht wussten, was sie tun sollten, zu beruhigen, und sagte: „Seien meine Mutter und mein Vater dir geopfert! Du bist sowohl lebendig als auch tot sehr rein. Bei Allah, Der diese Seele in diesem Leib hält! Allah wird dich den Tod nicht zwei Mal erleiden lassen!“ Abu Bakr (r.a.) verließ anschließend das Zimmer, ging hinaus und warnte Umar (r.a.): „Oh du, der bei Allah schwört (dass der Gesandte Allahs nicht gestorben sei!). Komm zur Ruhe!“

Dann sprach Abu Bakr (r.a.) mit einer standfesten Haltung die Gefährten an. Als Abu Bakr (r.a.) zu reden begann, beruhigte sich Umar (r.a.) und setzte sich nieder. Abu Bakr (r.a.) fuhr mit seinen Worten nach der Danksagung und Lobpreisung Allahs fort: „Passt auf! Diejenigen, die Muhammed dienen (anbeten), sollen wissen, dass Muhammed gestorben ist. Wer aber Allah dient (anbetet), soll wissen, dass Allah aus Sich selbst lebendig ist und niemals sterben wird. Allah Ta´ala offenbarte Seinem Gesandten: ‚Siehe, du bist sterblich, und auch sie sind sterblich.‘ Und in einem anderen Vers verkündet Allah: ‚Und Muhammed ist nur ein Gesandter. Schon vor ihm gingen die Gesandten dahin. Wenn er also stirbt oder fällt, werdet ihr dann auf euren Fersen umkehren? Doch wer auf seinen Fersen umkehrt, wird Allah keineswegs schaden. Aber Allah wird die Dankbaren belohnen.‘“

Die Menschen, die diese Worte Abu Bakrs gehört hatten, fingen an zu weinen. Die Gefährten waren so sehr schockiert, als hätten sie die Verse, die Abu Bakr vortrug, zuvor noch nie gehört und als würden sie diese zum ersten Mal von ihm lernen. Nun begann jeder Einzelne, diese Verse zu lesen. Umar (r.a.), der bis zu diesem Zeitpunkt das Ableben des Gesandten Allahs (s.a.w.) nicht wahrhaben konnte, war nun mit der traurigen Realität konfrontiert und erschüttert, sodass seine Beine keine Kraft mehr zum Stehen hatten. Infolge der traurigen Wahrheit konnte er sich nicht länger halten und fiel zu Boden.

Diese große Trauer, mit der Umar und die Gefährten konfrontiert waren, erinnerte sie auf eine schockierende Weise an die Realität, die ihnen eigentlich bekannt war. Sie wurden daran erinnert, dass auch der Gesandte Allahs (s.a.w.) ein Mensch war. Ihm wurde die Botschaft Allahs offenbart, aber dennoch war er ein Mensch. Wie jeder Sterbliche ist auch er gestorben. Doch das, was für ewig bleiben wird, sind Allah Ta´ala und Seine Religion. Genau diesen Aspekt wollte Abu Bakr (r.a.) mit dem Vers, den er vorgetragen hatte, den Menschen in Erinnerung rufen. Die Gefährten verhielten sich aus Trauer so, als hätten sie diese Verse zum ersten Mal gehört. Dabei befanden sich unter den Gefährten manche, die die Geburt des Gesandten Allahs (s.a.w.) miterlebt hatten und andere waren seine Freunde seit dem Kindesalter. Er hatte ein Leben lang unter ihnen gelebt und als seine Zeit zu Ende ging, verließ er sie.

Das Leben und das Ableben des Gesandten Allahs (s.a.w.) waren im eigentlichen Sinne eine Antwort an die Muschrikun (Beigeseller), die der Meinung waren, dass der Gesandte Allahs (s.a.w.) übermenschliche Eigenschaften besitzen müsste. Sie sagten: „Wir glauben dir niemals, ehe du uns nicht aus der Erde eine Quelle hervorsprudeln lässt; oder bis du einen Palmen- und Rebgarten besitzt, in dessen Mitte du Bäche hervorsprudeln lässt; oder bis du, wie du behauptest, den Himmel in Stücken auf uns niederfallen lässt oder Allah und die Engel uns gegenüberstellst; oder bis du ein Haus aus Gold besitzt oder in den Himmel aufsteigst; und wir wollen nicht eher an dein Hinaufsteigen glauben, als bis du uns ein Buch herabkommen lässt, das wir lesen können.“ Allah befahl Seinem Gesandten diesen Menschen folgendermaßen zu antworten: „Preis sei meinem Herrn! Bin ich mehr als ein Mensch, als ein Gesandter?“ Die Beigeseller sagten stets: „Warum wurde ihm kein Schatz herabgesandt? Warum kam kein Engel mit ihm?“ Diese Worte engten den Gesandten Allahs (s.a.w.) so ein, dass er auf den Gedanken kam, einige der ihm offenbarten Verse den Menschen nicht zu überbringen. In diesen Momenten wurde er daran erinnert, dass er nur als ein Warner entsandt wurde.

Das Volk der Dschahiliyyah (Unwissenheit) konnte sich nur noch an die Wunderzeichen der vorherigen Gesandten erinnern und verleugneten den Gesandten, der aus ihrer Mitte auserwählt wurde, der ein Leben wie sie führte und menschliche Bedürfnisse hatte. Sie sagten zu ihm: „Was ist das für ein Gesandter? Er nimmt Nahrung zu sich und begibt sich auf Märkte.“ Ihre falsche Vorstellung von den Propheten wird im edlen Koran mit folgenden Worten korrigiert: „(Schon) vor dir entsandten Wir keine Gesandten, die nicht Nahrung zu sich nahmen und auf die Märkte gingen.“ Außerdem verkündet Allah Ta´ala im heiligen Koran, dass es Sein Wille gewesen war, die göttliche Botschaft durch einen Menschen zu überbringen.

Die Leugner hatten die Erwartung, der Gesandte Allahs (s.a.w.) müsse „übermenschlich“ oder ein „Engel“ sein und reagierten daher auf die Entsendung vom Gesandten Allahs (s.a.w.) mit diesen Worten: „Hat Allah nur einen Menschen entsandt?“ Sie stützten ihre Verleugnung mit dem Argument, dass der Gesandte Allahs (s.a.w.) ein „Mensch“ war. Im edlen Koran aber wird diese Denkweise deutlich abgelehnt und immer wieder betont, dass er ein „Mensch“ ist. Der heilige Koran lehnt den Gedanken und die Erwartung, der Gesandte Allahs (s.a.w.) müsse anders als die normalen Menschen sein oder sogar übermenschliche Eigenschaften besitzen, ab. Allah verkündet: „Wenn es auf Erden üblicherweise Engel gäbe, dann hätten Wir ihnen vom Himmel einen Engel als Gesandten hinabgeschickt.“

Auch unser Prophet (s.a.w.) selbst arbeitete mit Gewissenhaftigkeit daran, die falsche Vorstellung des unwissenden Volkes von einem Gesandten mit der richtigen Vorstellung von einem Gesandten zu korrigieren. Anas b. Malik (r.a.) überliefert: „Ein Mann kam eines Tages zum Gesandten Allahs (s.a.w.) und sagte: ‚Oh Muhammed! Oh unser Herr, der Sohn unseres Herrn, der am meisten Gesegnete unter uns und der Sohn des am meisten Gesegneten unter uns!‘ Daraufhin sagte der Gesandte Allahs (s.a.w.): „Oh ihr Menschen! Passt auf, dass ihr eure Gottesfurcht (Taqwa) nicht verliert! Passt auf, dass der Satan euch nicht in eine Falle lockt! Ich bin Muhammed, der Sohn des Abdullah. Ich bin der Diener und Gesandte Allahs. Bei Allah, ich möchte nicht, dass ihr mir eine höhere Stellung zuschreibt, als die Allah mir gegeben hat!“ Er wies zugleich auf die Quelle dieses falschen Gedankens hin: „Seid bei der Lobpreisung nicht so maßlos wie die Christen bei der Lobpreisung von Isa/Jesus (a.s.), dem Sohn der Maria. Ich bin nur ein Diener Allahs. Daher nennt mich ‚Diener und Gesandter Allahs‘.‘“

Der Gesandte Allahs (s.a.w.) betonte bei jeder Gelegenheit, dass die Tatsache, Diener Allahs zu sein, an erster Stelle steht. Als er eines Tages einem Mann das Glaubensbekenntnis (Schahadah) lehrte, sagte der Mann: „Ich bezeuge, dass Muhammed der Gesandte und Diener Allahs ist.“ Unser Prophet sagte: „Bevor ich Gesandter wurde, war ich Diener“, und korrigierte den Mann: „… Diener und Gesandter Allahs.“ Die Betonung auf „Abd“ (Diener) ist eine Anspielung auf diejenigen, die die Gesandten Allahs übermäßig verehren und vergöttlichen, wobei die Betonung auf „Rasul“ (Gesandter) eine Anspielung auf diejenigen ist, die die Gesandten beschimpfen, aus ihren Orten vertreiben und töten. Die Warnung des Gesandten Allahs bezüglich der Mädchen, die auf der Hochzeitsveranstaltung von Rubayyiʿ bnt. Muʿawwiz (r.a.) – einer Gefährtin, die mit ihm zusammen an einer Schlacht teilnahm und sich dort um den Wasserbedarf der Soldaten kümmerte und bei der Überführung der verstorbenen Soldaten große Hilfeleistung erbrachte – mit dem Tamburin Musik machten und Lieder sangen, kann in diesem Zusammenhang als ein Zeichen dieser Besorgnis betrachtet werden. Die singenden Mädchen erwähnten in ihren Liedern die guten Eigenschaften ihres Vaters, der in der Schlacht von Badr gefallen war. Als aber eine von ihnen den Gesandten Allahs (s.a.w.) loben wollte und sagte: „Unter uns befindet sich ein Gesandter Allahs! Er weiß bestimmt, was morgen geschehen wird!“, warnte der Gesandte Allahs sie: „Sag das bitte nicht! Wiederhole doch die Worte, die du vorhin gesagt hast!“ Und er fügte hinzu: „Nur Allah weiß, was morgen geschehen wird.“

All diese Warnungen sollten dafür sorgen, die falschen Vorstellungen von einem Gesandten zu beseitigen. Bereits über die vorherigen Propheten hatte sich gezeigt, wie sehr die Menschen in ihren Gedanken an einen Propheten mit übermenschlichen Eigenschaften interessiert waren. Die erste Begegnung des Gesandten Allahs (s.a.w.) mit dem Gefährten Rifaʿa b. Yasribi (r.a.) oder Yasribi b. Awf, der mit dem Namen Abu Rimsa bekannt war, zeigt, welche Auswirkungen diese falsche Denkweise hatte: „Wir gingen zusammen mit meinem Vater zum Gesandten Allahs. Als wir ihn sahen, fragte mich mein Vater: ‚Kennst du diese Person?‘ Ich sagte: ‚Nein, ich kenne sie nicht.‘ Er sagte: ‚Dies ist Muhammed, der Gesandte Allahs.‘ Als mein Vater diese Worte ausgesprochen hatte, war ich sehr schockiert, denn ich hatte mir den Gesandten Allahs stets als eine Person vorgestellt, die den normalen Menschen nicht ähnelte. Doch er hatte lange Haare, die mit Henna gefärbt waren, und zwei grüne Gewänder an.“

Der Gesandte Allahs (s.a.w.) hatte kein abnormales Aussehen, wie Abu Rimsa (r.a.) es sich vorgestellt hatte. Ja, tatsächlich war er mit seinem Verhalten das beste Beispiel für die Menschen und er unterschied sich von ihnen durch seine feine und höfliche Verhaltensweise. Doch dies führte niemals dazu, dass er sich höher gestellt sah als seine Gefährten. Er hielt als Gesandter Allahs und Anführer seines Volkes niemals Abstand zu seinen Gefährten und betrachtete sie niemals als minderwertige Menschen. Der Gesandte Allahs (s.a.w.) sagte zu einem Mann, der eines Tages zu ihm kam, aber vor Aufregung zitterte: „Habe keine Angst! Ich bin kein König. Ich bin nur der Sohn einer Frau, die sich mit getrocknetem Fleisch ernährte.“

Weder seine Kleidung noch sein Benehmen oder seine Handlungen waren anders als die der Menschen seiner Umgebung. Er mochte es sehr, an gemeinschaftlichen Veranstaltungen wie Hochzeiten und Gastmahlen teilzunehmen. Wenn er aß, setzte er sich auf den Boden hin und sagte: „Ich esse wie jeder Diener Allahs und ich sitze wie jeder andere Diener Allahs.“

Auch wenn der Gesandte Allahs (s.a.w.) mit seinen Freunden zusammen war, unterschied er sich mit seiner Kleidung oder seinem Verhalten nicht von den denen, sondern war vollkommen einer wie sie. Beispielsweise konnte Dimam b. Saʿlaba (r.a.) – ein Gefährte, der vom Gesandten Allahs als „ein kluger Mensch“ beschrieben wurde und laut Umar (r.a.) die Eigenschaft hatte, ein Thema sehr gut und prägnant zu erklären – nach seiner Ankunft in Medina den Gesandten Allahs, der mit seinen Gefährten in der Moschee saß, von den Gefährten nicht unterscheiden und musste fragen: „Wer von euch ist Muhammed?“ Auch vor diesem Ereignis hatte es während der Auswanderung aus Mekka nach Medina (Hidschrah) eine ähnliche Situation gegeben. Der Gesandte Allahs (s.a.w.) und die Mitreisenden kamen an einem Montag des Monats Rabiʿ al-awwal nach einer anstrengenden Reise in Quba an und wurden von den Muslimen aus Medina mit großer Freude empfangen. Der Gesandte Allahs (s.a.w.) setzte sich unter einen Dattelbaum, um sich auszuruhen, und Abu Bakr (r.a.) kümmerte sich derzeit um die Besucher. Diejenigen, die von Medina nach Quba kamen, um den Gesandten Allahs in Empfang zu nehmen, hatten den Gesandten Allahs vorher nicht gesehen und dachten, Abu Bakr (r.a.) sei der Gesandte Allahs und begrüßten ihn. Als aber Abu Bakr (r.a.) unseren Propheten vor der Sonne beschützen wollte und für ihn mit seinem Gewand einen Schatten bildete, erkannte das Volk, wer der Gesandte Allahs war.

Aischa (r.a.) überliefert, dass der Gesandte Allahs (s.a.w.) zu Hause dieselben Beschäftigungen gehabt habe, wie jeder andere Mann auch. Er war ein Mensch wie jeder andere. Er wusch seine Kleidung, molk sein Schaf und erledigte seine persönlichen Aufgaben selbst. Es war selbstverständlich, den Gesandten Allahs mit Kindern beim Scherzen, mit seinen Enkelkindern beim Spazierengehen, mit Jugendlichen beim Unterhalten, beim Einkaufen oder beim Graben einer Grube für den Krieg zu sehen. Als man Dschabir b. Samura (r.a.), der nach Kufa umgezogen war und in der Zeit der Herrschaft von Abdulmalik b. Marwan verstarb, fragte, ob sie sich mit dem Gesandten Allahs (s.a.w.) unterhielten und Gespräche führten, sagte er: „Natürlich haben wir uns mit ihm mehrmals und lange unterhalten. Der Gesandte Allahs (s.a.w.) stand nach dem Morgengebet von seinem Platz nicht auf, sondern saß bis zum Sonnenaufgang an seinem Platz. In dieser Zeit unterhielt er sich mit seinen Gefährten, sie erinnerten sich an ihre Erlebnisse in der vorislamischen Zeit und lachten, wobei der Gesandte Allahs stets nur lächelte.“ Zayd b. Sabit (r.a.) antwortete auf dieselbe Frage folgendermaßen: „Wenn wir über das Weltliche sprachen, nahm er auch am Gespräch teil, und wenn wir von Essen und Trinken sprachen, nahm er ebenso an unserem Gespräch teil.“

Der Gesandte Allahs (s.a.w.) trauerte, freute sich und wurde wütend genauso wie alle. Auch er hatte alltägliche Beschäftigungen. Er hatte Bekanntschaften und enge Freundschaften. Er hatte Ehefrauen, Kinder und Enkelkinder. In seinen Ehebeziehungen gab es schwierige und problembehaftete Momente, aber auch Zeiten der Ruhe und Freude … Wie jeder andere Mensch hatte auch er menschliche Bedürfnisse und erlebte Situationen, die einem jeden passieren konnten. Eines Tages schlief er aus Müdigkeit nach einer anstrengenden Reise ein und konnte zum Morgengebet nicht aufstehen; erst nach Sonnenaufgang wachte er auf und holte sein Gebet nach. Der Gesandte Allahs (s.a.w.) hatte einst das Gebet mit fünf Einheiten (Rakʿah) vorgebetet. Die Gefährten fragten ihn, ob es bei den Gebeten zu einer Veränderung gekommen sei. Der Gesandte Allahs sagte: „Nun bin ich nur ein Mensch wie auch ihr. Ich erinnere mich so, wie ihr euch auch erinnert, und vergesse, wie auch ihr vergesst.“ Dann verrichtete er zwei Niederwerfungen zur Wiedergutmachung [und korrigierte das fehlerhafte Gebet (Sudschud-as-Sahw)]. Ein anderes Mal begann er beim Morgengebet die Sura al-Muʾminun zu rezitieren. Als er zu dem Vers kam, der die Namen der Propheten Moses (a.s) und Aaron (a.s.) enthält, fing er plötzlich an zu husten. Er merkte, dass er nicht weiter rezitieren konnte, und fuhr mit der Verbeugung (Rukuʿ) weiter. Obwohl er ein Gesandter Allahs war, hatte er stets den Wunsch, ein dankbarer Diener Allahs zu sein. Er betete sehr viel und lange, sodass er geschwollene Füße bekam. Obwohl all seine vergangenen Sünden vergeben waren und ihm keine neuen Sünden zugeschrieben wurden, sagte er: „Manchmal fühle ich mich geistig abwesend und bitte Allah aus diesem Grund hundertmal am Tag um Vergebung.“

Auch der Gesandte Allahs (s.a.w.) hatte mit alltäglichen Problemen zu kämpfen. Beispielsweise saßen er und seine Frau Safiyya (r.a.) bei der Rückreise von Haybar auf einer Kamelstute, die auf dem Weg plötzlich stolperte, sodass beide auf den Boden fielen. An einem anderen Tag fiel er von einem Pferd und verletzte sich an seiner rechten Seite. Wegen dieser Verletzung musste er eine Zeit lang seine Gebete im Sitzen verrichten und vorbeten. Wie jeder andere Mensch erkrankte auch der Gesandte Allahs (s.a.w.) von Zeit zu Zeit und wurde mit den medizinischen Methoden seiner Zeit behandelt. Als er sehr starke Kopfschmerzen hatte, entschied er sich für eine Blutabnahme durch Aderlass. Aischa (r.a.) überliefert, dass sie dem Gesandten Allahs, als er erkrankte, trotz seines Unwillens Medikamente verabreichten. Sie dachten, dass ihm die Medikamente nicht schmecken würden und er sich deshalb weigern würde, sie einzunehmen. Dennoch gaben sie ihm die Medikamente. Sobald der Gesandte Allahs (s.a.w.) aber aufwachte und zu sich kam, wollte er von ihnen, dass auch sie die Medikamente einnahmen, und nahm damit eine süße Rache an ihnen.

Der Gesandte Allahs (s.a.w.) hatte genauso viel Wissen und Erfahrungen in weltlichen Angelegenheiten wie jeder andere. Er war von Mekka, einem Ort, in dem Handel betrieben wurde, nach Medina, einem Ort, wo Landwirtschaft betrieben wurde, ausgewandert. Medina war ein Gebiet mit zahlreichen grünen Dattelbäumen. Diese Gärten waren die wichtigste Einnahmequelle der Bevölkerung von Medina. Das Volk von Medina pflegte die Dattelbäume zu veredeln, um eine bessere Ernte zu erhalten. Als der Gesandte Allahs (s.a.w.) dieses Verfahren sah, fragte er sie: „Was macht ihr?“ Sie sagten, dass sie die Veredelung schon seit Jahrhunderten durchführten. Der Gesandte Allahs (s.a.w.) sagte: „Vielleicht ist es doch besser, wenn ihr dieses Vorgehen weglasst.“ Daraufhin hatten sie auf die Veredelung der Bäume verzichtet. Doch in jenem Jahr war die Ernte sehr gering, manche Dattelbäume warfen sogar ihre Früchte ab. Die Menschen gingen zum Gesandten Allahs und erzählten ihm, dass sie seiner Anweisung gefolgt seien, aber nur sehr wenig geerntet hätten. Der Gesandte Allahs sagte: „Ich bin nur ein Mensch. Wenn ich euch bezüglich der Religion etwas befehle, so folgt sofort dem Befehl! Aber wenn ich nach meiner eigenen Meinung etwas befehle, so vergisst bitte nicht, dass ich auch nur ein Mensch bin.“

Abdullah b. Amr (r.a.), dessen Name vorher al-ʿAs war und dem der Gesandte Allahs den Namen Abdullah gegeben hatte, gehört zu den Gefährten, die die meisten Ahadithe überlieferten, und schrieb jedes einzelne Wort des Gesandten Allahs (s.a.w.) auf, um es auswendig zu lernen. Manche Gefährten hatten das Bedürfnis, ihn darauf aufmerksam zu machen und sagten zu ihm: „Du schreibst alles auf, was du vom Gesandten Allahs hörst. Doch er ist schließlich ein Mensch und redet, wenn er sich gut fühlt, aber auch wenn er zornig ist.“ Abdullah (r.a.) ging daraufhin zum Gesandten Allahs (s.a.w.) und erzählte ihm, was vorgefallen war. Der Gesandte Allahs zeigte mit dem Finger auf seinen Mund und sagte: „Schreib du nur weiter! Bei Allah, aus diesem Mund kommt kein falsches Wort heraus.“ Diese Aussage weist darauf hin, dass die menschlichen Eigenschaften des Gesandten Allahs keine negativen Auswirkungen auf seine Aufgabe als Gesandter hatten. Er sagte: „Vergesst nicht, dass ich auch nur einer der Söhne Adams bin und mit Wut ungewollt jemanden kränken oder verfluchen kann. Ich werde genauso wütend wie jeder. Doch Allah entsandte mich als eine Barmherzigkeit für alle Welt.“ Anschließend betete er zu Allah Ta´ala: „Oh Allah! Möge solch ein Verhalten meinerseits am Tag der Auferstehung ein Grund für die Erbarmung der betroffenen Person sein.“ Er sagte, dass er manchmal in zwischenmenschlichen Beziehungen ein Urteil fällen muss und dabei entscheidend ist, was ihm erzählt wird: „Ich bin nur ein Mensch. Ihr erzählt mir von euren Problemen unter euch. Manche von euch können ihre Probleme besser erläutern, sodass ich entsprechend dem, was ich höre, ein Urteil fälle. Wenn ich ein falsches Urteil zu seinen Gunsten fälle und seinem Bruder Unrecht tue, so handle er nicht nach meinem Urteil. Ich hätte ihm in diesem Fall ein Stück vom Feuer zugesprochen.“ Der Gesandte Allahs (s.a.w.) warnte mit diesen Worten diejenigen, die mit ihrer Überzeugungskraft die Rechte anderer verletzten. Außerdem betonte er dabei, dass er nur durch das, was er sieht und hört, ein Urteil fällen könne. Diese Aussage ist ebenso ein Zeichen dafür, dass er ein großes Verlangen danach hatte, absolute Gerechtigkeit walten zu lassen, aber es zeigt auch seine Befürchtung, als ein gewöhnlicher Mensch diesbezüglich Fehler zu machen. Beispielsweise handelte er auch unter seinen Gattinnen gerecht, indem er seine Zeit gleichmäßig unter ihnen aufteilte und zu Allah Ta´ala betete: „Oh Allah! Dies ist alles, was ich machen kann und was in meiner Kraft liegt. Ich bitte Dich, mich für die Sachen, die in Deiner Kraft liegen, aber nicht in meiner Kraft liegen, nicht zu verurteilen!“

Er hatte wie jeder andere Mensch auch menschliche Bedürfnisse. Doch er setzte seinen Bedürfnissen mit dem Gedanken an das Jenseits Grenzen und kontrollierte seine Wünsche. Als Umar (r.a.) eines Tages am Körper des Gesandten Allahs (s.a.w.) Abdrücke der Strohmatte sah, wurde er gerührt, weinte und sagte: „Oh Gesandter Allahs! Kisra und Qaysar (Herrschertitel des persischen und des römischen Reiches) leben in Reichtum und doch bist du der Gesandte Allahs!“ Der Gesandte Allahs (s.a.w.) sagte: „Würdest du etwa nicht wollen, dass das Diesseits ihnen und das Jenseits uns gehört?“ Bereits in den ersten Tagen (seines Prophetentums) lehnte der Gesandte Allahs (s.a.w.) jeden Reichtum und jedes Amt ab, das ihm die Beigeseller angeboten hatten, um ihn von seiner Sache abzubringen, und zeigte so den Menschen, dass er seinen Begierden nicht nachging. Er verglich sein irdisches Leben mit einer Person, die sich auf einer Durchreise befindet und sich nur für eine kurze Zeit unter einem Baum ausruht.

Seine Familie, Bekannten und Freunde führten mit ihm normale Beziehungen. Diejenigen, die sich mit ihm auf eine Reise begaben, die für ihn Einkäufe machten und auch seine Frauen waren sich dessen bewusst, dass sie mit einem Menschen, wie sie selbst es waren, ein Leben führten. Es gab sogar Menschen, die mit ihm scherzten oder Spiele wie Bogenschießen spielten. Es gab aber auch Menschen, über die sich der Gesandte Allahs (s.a.w.) aufregte und mit denen er schimpfte. Dennoch hielten sie es stets in Erinnerung, dass er ein Gesandter Allahs war, der von Allah Ta´ala auserwählt und dem die Botschaft Allahs offenbart wurde. Folgendes Ereignis ist ein schönes Beispiel, das dieses Bewusstsein darstellt: Qubas b. Aschyam (r.a.), der an der Schlacht von Badr als ein Beigeseller teilgenommen, anschließend den Islam angenommen, mit dem Gesandten Allahs (s.a.w.) gemeinsam in zahlreichen Schlachten gekämpft hatte und nach der Schlacht von Yarmuq nach Damaskus umgezogen war, sagte einst, dass er im selben Jahr wie der Gesandte Allahs (s.a.w.), nämlich im Jahre des Elefanten (Fil), geboren war. Man fragte ihn: „Wer ist der Ältere (Größere/Reifere) von euch beiden? Du oder der Gesandte Allahs?“ Er antwortete: „Der Gesandte Allahs ist ‚größer‘ als ich, doch ich bin früher geboren als er.“

Als seine Frauen ihn betrübten, indem sie beharrlich weltliche Kleidung und Schmuck forderten, behandelten sie ihn natürlich wie einen Menschen. Aber auf der anderen Seite erhielten sie auch Warnungen, dass das Verärgern des Gesandten Allahs Allah verärgern würde. In den Tagen, als der Prophet von seinen Frauen traurig gemacht wurde und getrennt von ihnen lebte, sagte Umar (r.a.) zu seiner Tochter (Ehefrau des Gesandten) Hafsa (r.a.): „Eine Frau, die den Gesandten Allahs beleidigt, wird beschämt und entehrt! Wer von euch kann sich sicher sein, dass Allah wegen des Zornes Seines Gesandten nicht wütend wird und euch vernichtet? Gehe gegenüber dem Gesandten Allahs nicht zu weit! Widersetze dich ihm nicht! Verlass ihn nicht!“

Der Gesandte Allahs (s.a.w.) hatte fast nicht die Möglichkeit, einen Unterschied zwischen dem Leben als Mensch und seinen Aufgaben als Gesandter zu machen. Beispielsweise sprach er sogar in zornigen Momenten nur die Wahrheit. Wenn er niesen musste, brachte er den Menschen die Regeln des Niesens bei, beim Essen erklärte er ihnen die Benimmregeln des Essens oder lehrte sie, wie sie das verpasste Morgengebet nachholen konnten. Im Grunde genommen erklären diese Beispiele, weshalb Allah Ta´ala einen Menschen als Gesandten geschickt hat. Ist es nicht so? Wie hätte denn ein Gesandter, der nicht isst, schläft oder vergisst, den Menschen, die essen, schlafen und vergessen, sonst ein Vorbild sein können? Wer hätte vor allem den Tod und das Leben nach dem Tod besser erklären können als ein sterblicher Gesandter?

Allah Ta´ala schickte den Menschen nicht einen Engel oder ein anderes Wesen als Gesandten, sondern einen Menschen, der ein Leben wie sie führt. Auch er wurde so wie die Propheten vor ihm aus dem Volk, zu dem er entsandt wurde, auserwählt. Denn die Religion, die ihm offenbart wurde, enthielt sowohl Aspekte des privaten als auch des öffentlichen Lebens und er hatte die Aufgabe, den Menschen diese Botschaften sowohl theoretisch als auch praktisch zu vermitteln. Dementsprechend hätte nur ein Gesandter den Menschen ein Vorbild sein können, der die gleiche Sprache wie sie spricht, ein Leben wie sie führt, psychisch und physisch dieselben Bedürfnisse wie sie hat. Der Gesandte Allahs (s.a.w.) war für alle Schichten der Bevölkerung ein schönes Beispiel. Innerhalb des Hauses war er Hausherr, Ehemann und Vater. In der Gesellschaft war er ein Freund oder ein Nachbar. Auf dem Markt war er ein Kunde, auf den Straßen war er ein Mitbürger. Er war Staatsoberhaupt und Befehlshaber der Armee. Zugleich war er ein Gesandter Allahs und Vorbild für die Menschen. Er war weder nur ein Mensch noch nur ein Gesandter. Er war – wie auch im heiligen Koran beschrieben – ein „Mensch und Gesandter“. Dies ist die Weisheit, die dahintersteckt und der Grund, weshalb Allah Ta´ala einen Menschen als Gesandten gesandt hat.