4. Bölüm
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4. Bölüm

ER WAR DER LEBENDIGE KORAN

Aischa (r.a.) überlieferte über den Zustand des Gesandten Allahs (s.a.w.), als er die erste Offenbarung erhielt, folgendermaßen: „Für den Gesandten Allahs begann die Offenbarung durch die vertrauenswürdigen (Sadiq) Träume. Jeder seiner Träume verwirklichte sich. Anschließend wurde ihm die Einsamkeit vorzüglich gemacht. Er zog sich in die Höhle Hira zurück und verrichtete nächtelang, ohne nach Hause zurückzukehren, das Gebet. Er hatte auch sein Essen immer bei sich. Dann kehrte er zu Khadidscha (r.a.) zurück und nahm erneut reichlich Essen mit.

Dieser Zustand dauerte an, bis ihm die Offenbarung der Wahrheit, in der Höhle Hira zuteilwurde. Dann kam ein Engel zu ihm und sprach: ‚Iqra’!’ (Lies). Er antwortete: ‚Ich kann nicht lesen!‘ Unser Prophet (s.a.w.) berichtete über diesen Vorfall Folgendes: ‚Der Engel nahm mich und drückte mich so fest, dass mir die Kraft ausging. Dann ließ er mich los und sagte erneut: ‚Iqra’!’ (Lies). Ich erwiderte: ‚Ich kann nicht lesen.‘ Er drückte mich zum zweiten Mal, bis meine Kraft ausging. Anschließend ließ er mich wieder los und sagte zu mir wiederholt: ‚Iqra’!‘ (Lies). Ich antwortete erneut mit: ‚Ich kann nicht lesen.‘ Schließlich nahm er mich erneut und drückte mich ein drittes Mal. Dann ließ er mich los und sagte (indem er die ersten Verse des heiligen Koran rezitierte): ‚Lies! Im Namen deines Herrn, Der erschuf – Er erschuf den Menschen aus einem sich Anklammernden. Lies! Denn dein Herr ist gütig, Der durch die (Schreib-)Feder gelehrt hat – den Menschen gelehrt hat, was er nicht wusste.‘ Nach dieser ersten Offenbarung kehrte der Gesandte Allahs (s.a.w.) in Angst und Aufregung zu seiner Frau Khadidscha bint Huwaylid (r.a.) zurück.“

Bis zu jenem Tag, (an dem er die erste Offenbarung bekam), d. h. bis zu seinem vierzigsten Lebensjahr, bekundete jeder seine Zufriedenheit mit ihm. Sie nannten ihn „Muhammed al-Amin“ (der vertrauenswürdige Muhammed). Es ist jedoch nicht möglich, zu behaupten, dass er mit der Götzenanbetung, der Gewalt, der Tyrannei und der unmoralischen Verhaltensweisen der Mekkaner zufrieden war. Er fühlte sich vom maßlosen Leben in Mekka, das einem suggerierte, dass das Leben nur aus Essen und Trinken, aus Spiel und Feiern bestand, erdrückt. Er ertrug die Traditionen deren Vorfahren, die Sitten der Dschahiliyyah (Unwissenheit/vorislamische Zeit) und die Götzenanbetung nicht mehr. Er erreichte das reife Alter und war auf der Suche (nach dem Sinn des Lebens). Er wusste nicht, wie er zu handeln hatte und in welche Richtung er sich begeben sollte. Dennoch hatte er weder den ersehnten Weg gefunden, noch diesbezüglich den inneren Frieden erlangt. Obwohl er durch das Nachdenken bzw. mithilfe seines Verstands die Widersinnigkeit der Götzenanbetung verspürte und obwohl er – soweit er über die vorhandenen Informationen in der mekkanischen Gesellschaft verfügte – der Religion des Propheten Abrahams (a..s.) zugeneigt war, war er jedoch weit von der Erleuchtung entfernt; und er spürte die Qual, nicht zu wissen, was er tun sollte und wie er es tun sollte.

Das zurückgezogene Leben unseres Propheten (s.a.w.) während dieser Phase der Suche, in den Ramadan-Monaten in der Höhle Hira, sollte im Allgemeinen als eine Form der Wahrheitssuche durch die Betrachtung des Daseins der Existenzen und der Reflexion der erlebten Ereignisse verstanden werden. Tatsächlich verstehen einige Gelehrten den Begriff „Tahannus“, der im obigen Hadith verwendet wird, um die bereits erwähnte Gebetsform zu definieren, als „Tahannuf“, das heißt, als „Hanifisierung“ (zum Hanifen – Gläubiger des Monotheismus – werden).

Nach der Verkündung Allahs, Des Erhabenen, hat der Gesandte (s.a.w.) „zuvor kein Buch vorgetragen, noch schrieb er eines mit seiner Hand.“ Er wusste vorher nicht, was die Schrift und was der Glaube war. Er hegte auch nicht den Gedanken, dass ihm ein heiliges Buch herabgesandt würde. Dennoch hatte der Schöpfer ihm in Seiner Barmherzigkeit ein derartiges Buch, den heiligen Koran, offenbart.

Dieses Erlebnis des Gesandten Allahs (s.a.w.) in der Höhle Hira war der erste Moment, in dem er den Koran kennenlernte. Der Offenbarungsprozess, der mit den ersten fünf Versen der Sura al-Alaq begann, sollte in 23 Jahren vollendet sein. Die Koranverse, die zu unterschiedlichen Zeiten und Orten und aus verschiedenen Gründen herabgesandt wurden, sollten sowohl den Gesandten Allahs (s.a.w.) als auch die Muslime um ihn herum belehren und eine neue Gesellschaft gründen. Wenn folglich die in Mekka herabgesandten Koranverse und Suren nach ihrer chronologischen Reihenfolge rezitiert werden, wird ersichtlich, wie die polytheistische Gesellschaft der Dschahiliyyah (Unwissenheit/vorislamische Zeit) abgelöst, etappenweise belehrt und im Lichte der Offenbarung in eine geläuterte Gesellschaft umgewandelt wurde.

Im Grunde war dies eine Notwendigkeit der Verkündungsaufgabe, und Allah, Der Erhabene, sandte hierzu seinen Propheten (s.a.w.). „Allah war wahrlich gegen die Gläubigen gnädig, indem Er unter ihnen einen Gesandten aus ihrer Mitte erweckte, ihnen Seine Verse zu verlesen, sie zu läutern und das Buch und die Weisheit zu lehren; denn siehe, sie waren zuvor in offenkundigem Irrtum.“

Der Begriff „läutern“ (Tazkiya) bezeichnet sowohl die physische als auch die seelische Läuterung. Der Prophet (s.a.w.) führte die Menschen der Dschahiliyyah anhand dieser seiner Aufgabe zur Zivilisation/Hochkultur. Er konnte aus den barbarischen Menschen, die ihre Töchter lebendig begruben, eine zivilisierte Gesellschaft errichten, die jedes Lebewesen, sogar auch Gegenstände, mit Feinfühligkeit und Barmherzigkeit behandelte. Mit anderen Worten bedeutet „Tazkiya“ die Errichtung einer „lauteren Gesellschaft“, die aus lauteren Individuen bestand, welche durch den Gesandten der Barmherzigkeit realisiert wurde. In der Folgezeit gelang es ihm, eine auf den Sitten der Ahnen beruhende Gesellschaft der Dschahiliyyah in einem 23-jährigen Offenbarungsprozess in eine tugendhafte Gesellschaft umzuwandeln. Die Geschichte bezeugt, wie aus vulgären, barbarischen und polytheistischen Menschen mithilfe der Rechtleitung Allahs und der Läuterung des Propheten (s.a.w.), durch eine gesellschaftliche Umwandlung in kurzer Zeit, eine vorbildliche Generation wurde. Nach der Aussage einiger Gelehrte: „Auch wenn der Gesandte Allahs (s.a.w.) kein weiteres Wunder hervorgebracht hätte, um seine Sendung zum Propheten zu bezeugen, so würde schon allein sein Ashab (seine Gefährten) für die Bezeugung seines Prophetentums hinreichend sein.“ Der Gesandte Allahs (s.a.w.) verwirklichte diese soziale Umwandlung anhand des edlen Korans.

Die Verkündung der durch den Schöpfer gesandten Offenbarung, der Koranverse und Suren, an die Menschen bildete den wichtigsten Teil der Verkündungsaufgabe des Propheten. So verkündete Allah Ta´ala: „Oh du Gesandter! Verkünde alles, was von deinem Herrn auf dich hinabgesandt wurde. Wenn du es nicht tust, so hast du Seine Botschaft nicht ausgerichtet.“ Beruhend auf diesem Koranvers erinnerte Aischa (r.a.) daran, dass diejenigen, die behaupten, dass der Gesandte Allahs (s.a.w.) aus dem Buch Allahs etwas verschweige, lügen und Allah verleumden würden. Infolgedessen stand es außer Frage, dass der Prophet in keinerlei Hinsicht die herabgesandten Offenbarungen verheimlichte, verwandelte oder ihnen etwas hinzufügte. Diesbezüglich bezeugten die Gefährten, die ihm auf der Abschiedswallfahrt zuhörten, dass er seine Verkündungsaufgabe erfüllt habe, seinen Verpflichtungen zur Verkündigung und Belehrung aufrichtig nachgegangen war.

Der Prophet (s.a.w.) wurde ausschließlich damit beauftragt, sich der Offenbarung unterzuordnen. Er trug nicht die Verantwortung für die Rechtleitung oder den Gehorsam der Menschen. Er war nicht dafür verantwortlich, die Führung oder den Gehorsam der Menschen um jeden Preis sicherzustellen. Ihm wurde nur die Verkündung auferlegt. Der Prophet, der durchaus über dieses Bewusstsein verfügte, äußerte Folgendes: „Ich bin nur ein Verkünder, die Rechtleitung kommt von Allah“, und: „Allah sandte mich als einen offenkundigen Verkünder; nicht als einen Bezwinger.“ Wahrlich, er war weder Wächter der Menschen noch jemand, der Macht über sie ausübte, noch war er deren Hüter. Trotzdem verfolgte der Prophet (s.a.w.) bei seiner Einladung (Da’wa) [zum Islam] einen derartig beharrlichen und zielstrebigen Weg, damit die Menschen die Rechtleitung Allahs und somit die Erlösung erlangen, sodass er von Allah Ta´ala mehrmals wie im folgenden Koranvers ermahnt wurde: „Vielleicht grämst du dich noch zu Tode, dass sie nicht gläubig werden.“ Im Grunde war die Ursache für diese Mahnungen die große Barmherzigkeit des Propheten (s.a.w). Dass er dem großen Wunsch nachging, dass sein Onkel die Rechtleitung erlangte oder dass er Vergebung fand, oder der Versuchung, sogar das Todesgebet für den Führer der Heuchler zu verrichten, beruhten genau auf dieser seiner endlosen Barmherzigkeit.

Neben der Verkündung der göttlichen Offenbarung, Predigt- und Rezitationsaufgabe hatte der Prophet (s.a.w.) noch die Verpflichtung, die Gläubigen das Buch, die Weisheit und das Unbekannte zu lehren. Die Lehre des Buches Allahs beruhte eher auf praktischen Themen und bezog sich auf ihre Umsetzung. Wie in den Koranversen beschrieben wird, lehrte er neben dem edlen Koran auch die Weisheit. Denn er war ein mit der Offenbarung und der Weisheit ausgestatteter weiser Lehrer. Infolge einiger Überlieferungen äußerte er nach seinen eigenen Angaben, dass er als Lehrender gesandt wurde.

Des Weiteren zählte die Auslegung der offenbarten Koranverse zu seinen Obliegenheiten. Denn Allah, Der Erhabene, verkündet: „Und dir offenbarten Wir den Koran, damit du den Menschen erklärst, was ihnen hinabgesandt wurde, sodass sie es bedenken.“ Seine Koranauslegung erfolgte auf verschiedene Arten. Seine Erläuterungen als ein Prophet bezogen sich auf die Urteile oder Verse im heiligen Koran, deren Bedeutung nicht offenkundig war, die mehrdeutig oder schwer verständlich waren, und manchmal darüber, wie die allgemeinen Urteile zu verstehen sind. Zum Beispiel hatte der Gefährte Adi b. Hatim (r.a.) den folgenden Koranvers bezüglich der Imsak-Zeit wörtlich verstanden: „Und esst und trinkt, bis ihr in der Morgendämmerung einen weißen Faden von einem schwarzen Faden unterscheidet“, und hatte zwei Fäden unter sein Kissen gelegt und versucht, die Zeit des Fastenbeginns (Imsak) danach zu bestimmen. Obwohl der Gesandte Allahs (s.a.w.) die Fäden in diesem Vers folgendermaßen deutete: „Dies bedeutet (lediglich) die Dunkelheit der Nacht und die Dämmerung des Morgens.“

Als der Koranvers: „Diejenigen, welche glauben und ihren Glauben nicht durch Ungerechtigkeit verdunkeln […]“, offenbart wurde, kam ein Gefährte, der angesichts dieses Verses in Bedrängnis geriet, zum Propheten und fragte ihn: „Wer von uns lässt denn nicht seinen Glauben durch Ungerechtigkeit verdunkeln?“, woraufhin der Prophet (s.a.w.) mit folgenden Worten antwortete: „Habt ihr denn die Aussage von Luqman, die er an seinen Sohn richtete, nicht gehört: ‚Siehe, Vielgötterei ist eine gewaltige Ungerechtigkeit‘“, und den Begriff „Ungerechtigkeit“ als „Beigesellung“ definierte.

Die Gefährten, die die Offenbarung bezeugten, verstanden in großem Maße die Koranverse und hatten keinen großen Bedarf an Koranauslegung. Aus diesem Grund legte unser Prophet (s.a.w.) einen geringen Teil des Korans aus. Der edle Koran, der 23 Jahre lang der relevanteste Tagesordnungspunkt des Offenbarungszeitraums war, wurde in jeden Bereich ihres Lebens so involviert und ausgelebt, dass es keinen Grund zum Unverständnis gab. Aus diesem Grund gibt es sowohl Suren, von denen kein Vers ausgelegt wurde, als auch Suren, von denen nur einige Verse durch Ahadithe ausgelegt wurden.

Die Koranauslegung unseres Propheten war eher in den Praktiken und moralischen Handlungen zu beobachten; das heißt, der Gesandte Allahs (s.a.w.) bevorzugte es nicht, den edlen Koran nur mit Erklärungen zu lehren, sondern eher durch das Ausleben bzw. Vorleben des heiligen Korans. Die Sunnah (Lebensweise/Religionspraxis des Propheten), die von dem Glauben bis hin zur Praxis, von der Bildung bis hin zur Moral (Ahlaq) jeden Lebensbereich betraf, war im Grunde die Implementierung des heiligen Korans in das Leben. Daher sollte die Koranauslegung des Propheten nicht nur in bestimmten Überlieferungen in den Hadith-Quellen bzgl. der Koranauslegung zu suchen sein, sondern in seiner ganzen Sunnah, Moralvorstellung und Charakter. In gewisser Weise ist der edle Koran das Drehbuch des göttlichen Willen Allahs und dessen Ausleben seitens des Propheten (s.a.w.) das Umsetzen dieses Drehbuchs in das Leben.

Der Gesandte Allahs (s.a.w.) verinnerlichte die göttliche Botschaft dermaßen, dass er nächtelang unter Tränen Allah anbetete. Er rezitierte im Stehen des rituellen Gebets (Qiyam) den heiligen Koran, bis seine Füße anschwollen; er wurde quasi eins mit dem heiligen Koran. Jeder einzelne Koranvers erweckte bei ihm entweder tiefe Trauer oder große Freude. Wenn er die Koranverse der Andacht (Dua´) rezitierte, betete er zu Allah, und wenn er die Schutzverse rezitierte, suchte er Zuflucht bei Allah. Da er der letzte Prophet war – Hatam al-Anbiya –, hatte er nicht nur hinsichtlich seiner Ummah (Glaubensgemeinschaft) große Sorgen, sondern sorgte sich auch um die ganze Menschheit. Während er sich die Koranrezitation seiner Gefährten anhörte, deren Rezitation ihm gefiel, gab er sich so intensiv dem Tafakkur (dem Nachdenken) über die Bedeutung der Offenbarungsbotschaft hin, dass er ab einem gewissen Punkt keine Kraft mehr hatte, weiter zuzuhören. Eines Tages hörte er sich die Sura an-Nisa von seinem geliebten Freund Abdullah b. Masʿud (r.a.) an. Während Ibn Masʿud den folgenden Koranvers rezitierte: „Und wie (wird es um die Ungläubigen stehen), wenn Wir von jedem Volk einen Zeugen bringen, und wenn Wir dich gegen sie als Zeugen bringen?“, sagte „der Prophet der Propheten“ (s.a.w.) unter Tränen: „Dies ist genug!“ Infolge tiefer Reflexion und aufrichtiger Sorge gab der Prophet zu, dass einige Suren ihn alt werden ließen. Als eines Tages sein engster Freund Abu Bakr (r.a.) zu ihm sagte: „Oh Gesandter Allahs, deine Haare sind ja ergraut!“, antwortete der Gesandte Allahs (s.a.w.): „Mich haben die Suren Hud, Waqiah, Mursalat, Naba’ und Takwir alt werden lassen.“

Dem Gesandten Allahs war es durchaus bewusst, dass die Worte Allah Ta´alas für die Menschheit Leben spendende, Seelen gebende, heilige Mitteilungen sind. Nach einer Überlieferung von Umar (r.a.) sagte der Prophet (s.a.w.) in Bezug auf den edlen Koran: „Wahrlich, Allah rühmt einige Völker anhand dieses Buches und andere wiederum erniedrigt er damit.“ Als der Gesandte Allahs (s.a.w.) die Menschen zur Religion Allahs einlud, wandte er sich der Weisheit und guter Ermahnung zu, welche die Methodik des edlen Korans sind, und führte den Widerstreit mit seinen Gesprächspartnern auf die beste Weise. Der edle Koran definierte seine Religions- und Weltansicht und legte zugleich das Fundament für die Widerlegung des Unglaubens. Als nach einer Weile, nachdem er begonnen hatte, die Offenbarungen des edlen Korans in Mekka zu übermitteln, die Neigung seines Volkes für die göttlichen Botschaften zu Wünschen übrig ließen, hatte dies den Gesandten der Barmherzigkeit sehr schwer getroffen. Sein Zustand wurde in der Offenbarung mit den Worten: „Oh mein Herr! Mein Volk hat diesen Koran verlassen!“, zur Aussprache gebracht.

Das Buch Allahs war sowohl für den Propheten als auch für diejenigen, die den Islam annahmen, die wichtigste Quelle. Die neue medinensische Gesellschaft wurde mit dem Inhalt des edlen Korans geprägt und mit der Sunnah geformt. Sei es vor oder nach den Pflichtgebeten, die grundlegende Bildung im Masdschid-an-Nabawi (Moschee des Propheten) war die koranische Erziehung. Der Gesandte Allahs (s.a.w.) rezitierte bei den Morgen-, Abend- und Nachtgebeten sehr viele Suren, wodurch die Gefährten die Gelegenheit bekamen, diese Suren auswendig zu lernen. Viele der Freitagspredigten des Gesandten Allahs bestanden aus der Zusammenstellung einiger Koranverse, die in einem gewissen Zusammenhang rezitiert wurden. Aus diesem Grund sind die Überlieferungen seiner Freitagspredigten, die er über zehn Jahre abgehalten hat, nicht zahlreich.

Zum Beispiel sagte die Tochter von Harisa b. Nuʿman (r.a.), der dem Propheten sein Haus gestiftet hatte, Folgendes: „Ich habe die Sura al-Qaf durch das Zuhören vom Gesandten Allahs auswendig gelernt. Er rezitierte sie bei jeder Freitagspredigt.“ Nach der Überlieferung von Dschabir b. Samura (r.a.) hielt unser Prophet seine Predigt im Stehen und setzte sich anschließend hin. Daraufhin stand er erneut auf und rezitierte bei seiner zweiten Predigt verschiedene Koranverse und lobte Allah. Der Gesandte Allahs (s.a.w.) rezitierte freitags beim Morgengebet die Suren as-Sadschdah und Insan (Dahr), beim Freitagsgebet manchmal die Suren al-Dschumʿa und al-Munafiqun und gelegentlich die Suren Aʿla und al-Gaschiya. Einmal rezitierte er bei dem Abendgebet die Sura al-Aʿraf, indem er diese Sura auf zwei Gebetsabschnitte aufteilte. Ein anderes Mal rezitierte er beim Morgengebet die Suren al-Qaf und Yasin. Unser Prophet rezitierte den heiligen Koran im Gebet sehr innig und emotional, wodurch die Zuhörer sehr betroffen wurden. Als Dschubayr b. Mutʿim (r.a.) zu ihm kam, um mit ihm das Lösegeld der Gefangenen zu besprechen, verrichtete der Gesandte mit seiner Gemeinde gerade das Abendgebet, wo er als Vorbeter die Sura at-Tur rezitierte. Als Dschubayr diese wunderbaren Koranverse hörte, beschrieb er seine Gefühle mit folgenden Worten, obwohl er noch kein Muslim war: „Ich kam zur Zeit des Abendgebets dahin. Als ich den Koran hörte, war mir so, als wollte mein Herz zerspringen!“

Der Gesandte Allahs (s.a.w.) war par excellence die Verkörperung des heiligen Korans. Er repräsentierte den ausgelegten Koran, den Islam in lebendiger Form. Deshalb antwortete Aischa (r.a.)‚ die Mutter der Gläubigen – die unter einem Dach mit dem Propheten gelebt und dadurch die beste Beobachtung diesbezüglich hatte –, mit eindeutigen Worten auf die Frage nach dem Charakter (Ahlaq) des Gesandten Allahs: „Sein Charakter war der heilige Koran.“ Dass sie nach dieser prägnanten Aussage an den Vers: „Und du bist fürwahr von edler Natur“ erinnerte, die ersten neun Verse der Sura al-Muʾminun rezitierte und auf die Frage, wie der Gesandte Allahs (s.a.w) seine Nächte verbrachte, mit der Sura al-Muzzammil antwortete, deutete auf dieselbe Wahrheit hin. Diese Aussagen Aischas (r.a.) legen dar, dass die Worte, Handlungen und Zustimmungen des Propheten sich nach dem heiligen Koran richteten. Denn die Moral (Ahlaq) umfasst all diese genannten Aspekte. Die Sunnah (Lebensweise/Religionspraxis des Propheten) ist die Auslegung des edlen Korans in das aktive Leben; sie ist die praktizierte Form der Korandeutung; sie ist die praktische und vorbildliche Auslebung des Islams.

Letztendlich stand der Prophet (s.a.w.) mit dem heiligen Koran auf und ging mit dem heiligen Koran schlafen. Vor dem Schlafen rezitierte er die Suren an-Nas und al-Falaq und wenn er zum Nachtgebet aufstehen wollte, stand er mit der Rezitation der letzten zehn Verse (190 – 200) der Sura Al-Imran auf. So wie der heilige Koran das Leben des Gesandten Allahs (s.a.w.) bis hin zu seinen Gefühlen reflektierte, so spiegelten all die Handlungen und Aussagen des Gesandten Allahs in seiner 23-jährigen Verkündung des Islams, immer die Offenbarung des edlen Korans wider. Um es kurz auszudrücken, war der heilige Koran der Gegenstand der Offenbarung und der Gesandte Allahs (s.a.w.) war der lebendig gewordene Koran.