17. Bölüm
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17. Bölüm

EFFEKTIVE KOMMUNIKATION AM BEISPIEL DES PROPHETEN

Während der Prophet (s.a.w.) eines Tages mit seinen Gefährten saß, kam ein junger Mann zu ihm und sagte: „Oh Gesandter Allahs! Erlaube mir, Unzucht (Zina) zu begehen (da ich mich nicht mehr beherrschen kann)!“ Die Prophetengefährten reagierten erbost, als sie dies hörten. Sie sagten: „Schweig! Es reicht!“, und versuchten, den jungen Mann abzuweisen. Doch der Gesandte Allahs (s.a.w.) bat den jungen Mann zu sich, woraufhin dieser dann auch kam und sich zu ihm setzte. Im Gesichtsausdruck des Gesandten war keine Spur von Zorn oder Verärgerung zu erkennen. Der Gesandte Allahs begann ein Gespräch mit ihm, welches wie folgt ablief:

„Würdest du wollen, dass mit deiner Mutter Unzucht begangen wird?“

„Mein Leben gäbe ich für dich her! Nein, ich würde es nicht wollen, oh Gesandter Allahs!“

„Auch andere Menschen würden nicht wollen, dass Unzucht mit ihren Müttern begangen wird. Würdest du denn wollen, dass mit deiner Tochter Unzucht begangen wird?“

„Mein Leben gäbe ich für dich her! Nein, ich würde es nicht wollen, oh Gesandter Allahs!“

„Auch andere Menschen würden nicht wollen, dass Unzucht mit ihren Töchtern begangen wird. Würdest du denn wollen, dass mit deiner Schwester Unzucht begangen wird?“

„Mein Leben gäbe ich für dich her! Nein, ich würde es nicht wollen, oh Gesandter Allahs!“

„Niemand würde wollen, dass mit seiner Schwester Unzucht begangen wird!“

Danach fragte der Gesandte Allahs dasselbe auch in Bezug auf seine Tanten. Schließlich legte er seine Hand über den jungen Mann und sprach folgendes Bittgebet: „Oh Allah! Vergib diesem jungen Mann seine Sünden! Läutere sein Herz und bewahre seine Keuschheit!“

Den Schilderungen des Überlieferers zufolge verspürte der junge Mann, der einen derartigen Umgang des Propheten erlebt hatte, nie wieder Neigung zur Unzucht.

Die Person, die zum Propheten kam, war jung und sprach ganz offen. Er hatte nicht davor zurückgescheut, zu seinem Propheten zu gehen und ihn in so einer Angelegenheit um Erlaubnis zu bitten. Denn der Gesandte Allahs (s.a.w.) war derart offen für Dialoge, dass jeder in seinem Umfeld problemlos mit ihm reden und sich bedenkenlos über ein beliebiges Thema mit ihm unterhalten konnte. Der Gesandte Allahs hatte nicht nur seine Gefährten aufgehalten, die auf den jungen Mann losgingen, er hatte diesen auch zu sich gerufen. Er stellte also eine physische Nähe zu ihm und berührte ihn auch mit seiner Hand, womit er Gebrauch von den zwei wichtigsten Elementen der Körpersprache machte. Der gesegnete Prophet nutzte einerseits seine Körpersprache sehr geschickt und überzeugte den jungen Mann gleichzeitig mit Fragen, die er ihm stellte. Auf diese Weise stellte er im Hinblick auf effektive Kommunikation ein gutes Beispiel dar.

Der Gesandte Allahs (s.a.w.) war ein Mensch. In seinen Beziehungen zu seinen Gefährten gab es weder Förmlichkeit noch Künstelei. Ganz im Gegenteil, sie hatten eine natürliche und innige Beziehung zueinander. Auf koranischen und prophetischen Maßstäben beruhend, war ihr Umgang geprägt von Innigkeit. Als Dschabir b. Samura (r.a.) gefragt wurde, ob sie mit dem Gesandten Allahs zusammensaßen und sich genauso mit ihm unterhielten, wie mit anderen, antwortete er: „Ja, das taten wir oft. Der Gesandte Allahs verließ nach dem Morgengebet nicht die Moschee, bis die Sonne aufgegangen war. In dieser Zeit unterhielt er sich mit den Gefährten, sie erzählten sich Ereignisse aus der Zeit der Dschahiliyyah und lachten gemeinsam, wobei er nur lächelte.“

Die Gefährten legten großen Wert auf die Worte des Gesandten Allahs (s.a.w.). Denn er war für sie ein einzigartiger Anführer und ein erziehender Lehrer, der ihnen den Weg zur Rechtleitung wies und ihnen ein neues Leben ermöglichte. Daher versuchten sie nicht nur, seinen Predigten, Ansprachen und Unterhaltungen, sondern allen Aussagen, egal wann und wo er sie tätigte, Gehör zu schenken und diese sich einzuprägen. Die Gefährten, die der Sache und dem Weg des Propheten ihr Leben und ihren Besitz widmeten, hörten ihm mit Freude in aller Ruhe und Ernsthaftigkeit zu, „als hätten sie Vögel auf ihren Köpfen sitzen.“

Wenn wir uns vor Augen halten, dass für die Verwirklichung einer effektiven Kommunikation, der Sprechende und der Zuhörende gemeinsame Ziele und Absichten verfolgen sowie gemeinsame Gedanken hegen sollten, können wir mit Leichtigkeit sagen, dass zwischen dem Propheten und seinen Gefährten die besten Voraussetzungen für eine erfolgreiche Kommunikation gegeben waren.

Folgendes Ereignis zeugt vom innigen Verhältnis zwischen dem Gesandten und seinen Gefährten: In den Quellen ist von einem Gefährten namens Salama oder Sulayman b. Sahr (r.a.) die Rede. Um sein Nafs während des Fastens im Ramadan besser beherrschen zu können, schwor er, dass er sich seiner Ehefrau nicht nähern wird (Zihar). Trotzdem schaffte er es nicht, sich zu beherrschen, und beging Geschlechtsverkehr mit seiner Frau, wodurch er manchen Überlieferungen zufolge sein Fasten und anderen Überlieferungen zufolge seinen Schwur (Zihar) brach. Anschließend bereute er seine Tat sehr und dachte darüber nach, wie er seinen Fehler wiedergutmachen könnte. Zunächst bat er seinen Stamm um Hilfe, fand bei ihnen jedoch nicht die erwartete Unterstützung. Dann entschied er sich zum Gesandten Allahs (s.a.w.) zu gehen und berichtete ihm von seiner Missetat, die er zutiefst bereute. Gleichzeitig erhoffte er sich vom Gesandten Allahs, den er sehr liebte und respektierte, dass dieser ihm sein Verständnis entgegnet und ihm einen Ausweg zeigt.

Nachdem der Prophet Salama (r.a.) angehört hat, riet er ihm nacheinander folgende Handlungen als Sühne: der Freikauf eines Sklaven, das Fasten von 60 Tagen am Stück oder das Speisen von 60 Bedürftigen. Salama gab an, dass er zu keiner dieser Handlungen imstande war. Daraufhin gab ihm der Gesandte Allahs (s.a.w.) einen Korb mit Datteln und bat ihn, diese als Almosen (Sadaqa) an Bedürftige zu verteilen. Als aber Salama ihm sagte, dass es niemand Ärmeren in seiner Umgebung gibt als seine eigene Familie, lachte der Prophet und sagt ihm, dass er die Datteln mitnehmen und sie mit seiner Familie essen soll. Als Salama, der dieses Ereignis selbst berichtete, in seine Nachbarschaft zurückkehrte, sagte er seinen Verwandten: „Bei euch habe ich Unverständnis und Engstirnigkeit vorgefunden, beim Gesandten Allahs hingegen Sanftmut und Empathie.“

Amr b. al-As (r.a.), der den Islam angenommen hatte, beschrieb: „Der Gesandte Allahs (s.a.w.) wandte sich selbst den Unvernünftigsten der Gesellschaft zu, sprach mit ihnen und gewann ihre Herzen.“ Er beschenkte großzügig die Menschen in seinem Umfeld, um sie für den Islam zu gewinnen. So sagte Safwan b. Umayya, der Zeuge dieser Großzügigkeit wurde: „Der Gesandte Allahs war unter den Menschen derjenige, den ich am meisten verabscheute. Doch am Tag von Hunayn schenkte er mir so viele Güter, dass er schließlich zu demjenigen wurde, der mir unter den Menschen am liebsten ist.“

Sowohl in der Zeit vor seinem Prophetentum als auch danach bevorzugte der Prophet einen gänzlich schlichten und bescheidenen Lebensstil. Ob in den mühseligen Jahren in Mekka oder den vergleichsweise heitereren und erfolgreicheren Jahren in Medina, mit Blick auf seine Art zu essen und zu trinken, seinen Kleidungsstil und sein Benehmen behielt der Prophet stets diese Bescheidenheit bei. Dies zeigt sich auch daran, dass er unabhängig vom sozialen Status jeden mit der gleichen Freundlichkeit behandelte. Als einmal ein Sklavenmädchen in Medina nach seiner Hand griff, um ihn an einen Ort zu führen, an dem es ihm etwas zeigen wollte, ließ er es seine Hand halten, bis sie dort angekommen waren.

Manchmal kam es vor, dass diejenigen, die ihn besuchten, in Aufregung verfielen, wenn sie vor ihn traten. Daher sagte er einmal zu jemandem, der beim Sprechen in seiner Gegenwart vor Aufregung zitterte: „Fürchte dich nicht! Ich bin kein König. Ich bin auch nur der Sohn einer Frau, die Trockenfleisch aß.“ Auch dass er Qayla b. Mahrama vom Stamm der Tamim, die zu zittern begann, als sie vor ihm trat, mit den Worten beruhigte: „Beruhige dich, liebe Frau!“, ist ein gutes Beispiel dafür.

Wie aus den Überlieferungen hervorgeht, gab es weder in der äußeren Erscheinung noch im Gesicht des Propheten ein bei einfachem Hinsehen zu erkennendes Merkmal, das auf sein Prophetentum hindeutete. Aus diesem Grund konnten manche, die ihn zuvor nie gesehen hatten, ihn unter seinen Gefährten nicht erkennen. Doch diejenigen, die sich mit Persönlichkeiten der Menschen gut auskannten, konnten seine Besonderheit anhand seiner Gesichtszüge und Worte mit Leichtigkeit erkennen. Aus diesem Grund sagte der jüdische Gelehrte Abdullah b. Salam (r.a.), als er auf den Propheten traf, der in Medina angekommen war: „Als ich das Gesicht des Gesandten Allahs sah, wusste ich sofort, dass dies nicht das Gesicht eines Lügners ist“ und nahm kurze Zeit später den Islam an.

Die Beziehungen des Gesandten Allahs (s.a.w.) zu seinen Gefährten richteten sich nach koranischen und prophetischen Maßstäben, weshalb sie in ihrer zwischenmenschlichen Umgangsweise auf Ausgeglichenheit und Besonnenheit achteten. Die Gefährten waren sich der Liebe, der Barmherzigkeit und der Fürsorge des Gesandten ihnen gegenüber bewusst und fühlten sich in seiner Gegenwart äußerst wohl, ohne dabei die ihm zustehende Respekterbringung zu vernachlässigen. Nach einer Überlieferung von Aischa (r.a.), spielten während der Opferfesttage in ihrem Zimmer zwei Sklavenmädchen auf ihrer Rundtrommel (Daf). Der Prophet kritisierte dies nicht, er legte sich lediglich hin, nachdem er sich umgezogen hatte. Als Abu Bakr (r.a.) eintrat und dies sah, schimpfte er, woraufhin der Prophet sagte: „Lass sie, oh Abu Bakr! Jedes Volk hat seine Feste und unser Fest ist an diesen Tagen.“ Ebenso nahm er Aischa (r.a.) mit, um gemeinsam einigen Abessiniern zuzuschauen, die Volksspiele in der Moschee aufführten. Als Umar (r.a.) mit den Abessiniern schimpfte und sie wegschicken wollte, schritt der Prophet ein und sagte: „Lass sie ihre Aufführungen in Ruhe zeigen!“

Aufgrund dieser Freundlichkeit, Bescheidenheit, Geduld und Ruhe des Propheten konnten die Gefährten sich frei und behaglich in seiner Anwesenheit verhalten. Saʿd b. Abu Waqqas (r.a.) berichtet auch, dass die Damen der Quraysch mit leicht erhöhter Stimme zu ihm sprachen, ihre Meinungen äußern und mit ihm diskutieren konnten.

Trotz seiner innigen und warmherzigen Beziehung zu seinen Gefährten kam es – wenn auch selten – vor, dass unser Prophet schimpfte. Die Gefährten waren Zeuge dessen, wie er als Mensch von Zeit zu Zeit wütend wurde, und berichteten darüber, wie und warum dies passierte. Manchmal waren es seine Worte, oft aber seine Körpersprache, woran sie seine Zufriedenheit oder seinen Zorn ausmachen konnten. Je nach Situation sahen sie ein, dass sein Zorn in der Barmherzigkeit ihnen gegenüber begründet war, und bemerkten seine Gereiztheit selbst an seinem Blick oder seinem Lächeln, weshalb sie sagten: „Er lächelte, wie ein zorniger Mann es tut“, oder: „Er blickte, wie ein zorniger Mann es tut.“ Wie bei jedem Menschen zeigte sich die Wut des Gesandten Allahs (s.a.w.) in seinem Gesicht, sodass es errötete und er hin und wieder zwischen seinen Augenbrauen schwitzte.

Als der Prophet hörte, dass ein Gefährte in einem Feldzug, zu dem er ihn entsandt hatte, einen Feind tötete, obwohl sich dieser zum Islam bekannt hatte, hielt er sofort eine Ansprache. Uqba b. Malik al-Laysi (r.a.), der von diesem Vorfall berichtete, beschrieb den Propheten mit folgender Aussage: „Man konnte seinem Gesicht ansehen, dass er sich in einem gereizten Zustand befand.“ In seiner Rede kritisierte der Gesandte Allahs (s.a.w.) diesen Gefährten so heftig, wie man es von ihm nie zuvor gesehen hatte. Auch wenn dieser Gefährte sein Verhalten mit der Aussage: „Oh Gesandter Allahs! Diese Person hat sich nur zum Islam bekannt, um sein Leben zu schützen“, begründete, wandte sich der Prophet von ihm ab.

Um einen Straferlass für eine Frau von den Bani Mahzum zu erwirken, der aufgrund eines Diebstahls eine Strafe verhängt wurde, entsandten die Verwandten dieser Frau den Gefährten Usama (r.a.) als Vermittler zum Propheten. Auch wenn er Usama sehr gern hatte, änderte sich die Gesichtsfarbe des Gesandten Allahs (s.a.w.), als er erfuhr, dass Usama für die Aufhebung einer von Allah bestimmten Bestrafung vermitteln wollte. Nachdem er deshalb Usama getadelt hatte, hielt er auch eine Ansprache an die Gemeinde und sagte, dass die früheren Völker untergegangen sind, weil sie den Diebstahl der Schwachen und Hilflosen bestraften und den Diebstahl der angesehenen und mächtigen Leute unbestraft ließen.

Aufgrund dieser und ähnlicher Situationen wandte sich der Gesandte Allahs (s.a.w.) mit folgenden Worten seinem Schöpfer zu: „Wahrlich, ich bin nur ein Mensch. Ich freue mich wie ein Mensch und ärgere mich wie ein Mensch. Wenn ich jemals jemandem aus meiner Ummah (Religionsgemeinschaft) zu Unrecht etwas Schlechtes gewünscht habe, so mache dies (oh, mein Herr) zu einem Grund seiner Bereinigung und Annäherung zu Dir am Tage des Gerichts.“

Durch die Barmherzigkeit Allahs ging er mit den Menschen in seinem Umfeld fürsorglich um und war nicht grob oder kaltherzig zu ihnen. Als ein Prophet war er den Menschen gegenüber stets vergebend und barmherzig. Dass andernfalls die Menschen um ihn herum, die die ersten Adressaten des edlen Korans waren, sich von ihm abgewandt hätten, war ihm spätestens durch den göttlichen Hinweis diesbezüglich bewusst. Er war weder unwissend noch unsensibel oder grausam. So sagte Anas b. Malik (r.a.): „Ich habe dem Propheten zehn Jahre lang gedient. Er hat nicht ein einziges Mal: ‚Uff!‘, ‚Warum hast du es so gemacht?‘, oder: ‚Warum hast du es nicht so gemacht?‘, gesagt.“ Anas gibt ebenso an, dass der Gesandte Allahs (s.a.w.) andere nicht beschimpfte, verfluchte oder unangebrachte Dinge sagte. Der junge Gefährte Dscharir b. Abdullah (r.a.) schilderte seine Wahrnehmung diesbezüglich mit folgenden Worten: „Seit ich ein Muslim bin, hat der Gesandte Allahs mich nie von seiner Tür abgewiesen. Jedes Mal, wenn er mich sah, lächelte er.“

Beim Abkommen von Hudaybiyya wurde Urwa b. Masʿud als einer der Oberhäupter der Quraysch Zeuge der Verbundenheit der Gefährten zum Propheten. Den Quraysch beschrieb er seine Beobachtung wie folgt: „Oh mein Stamm! Wahrlich, ich habe schon viele Könige besucht und war auch schon mit einer Delegation beim (byzantinischen) Kaiser, bei Kisra (dem persischen König) sowie beim Negus. Bei Allah, ich habe keinen König gesehen, der von seinen Gefolgsleuten so sehr geehrt wurde, wie Muhammed von seinen Gefährten.“ Ähnliches berichtete Abu Sufyan seinen Stammesgenossen, nachdem er nach Medina gereist war, um das Abkommen von Hudaybiyya zu erneuern, jedoch ohne eine positive Antwort vom Propheten oder den Gefährten nach Mekka zurückkehren musste: „Ich komme zu euch von einer Gruppe, deren Herzen allesamt an ein Herz gebunden sind.“

Einige Gefährten äußerten dem Propheten von Zeit zu Zeit und je nach Umstand alternative Vorschläge und Ideen, wenn sie dachten, dass bestimmte Entscheidungen von ihm auf seiner eigenständigen Urteilsfindung beruhten. Sie wussten sehr gut, dass er offen für jeden Vorschlag war, der zum Vorteil der Muslime war oder dem Allgemeinwohl diente. Als Hubab b. Munzir (r.a.) während der Vorbereitungen für die Schlacht zu Badr sich dachte, dass die vom Propheten angeordnete Stationierung der Truppen aufgrund des trockenen und sandigen Bodens aus kampfstrategischer Sicht ungünstig war, fragte er: „Oh Gesandter Allahs! Diese Stelle hier, an der wir uns stationiert haben, ist weder zum Voranschreiten noch für den Rückzug geeignet. Hat Allah dir dies angeordnet oder beruht diese Entscheidung auf einer deiner Strategien für Krieg, oder ist es gar eine List?“ Als der Prophet ihm mitteilte, dass es seine eigene Ansicht war, empfahl er, einen anderen Ort als Basis aufzusuchen, woraufhin der Prophet diesem Vorschlag entsprechend handelte.

Der Prophet (s.a.w,) hatte während der zunehmend schwer verlaufenden Grabenschlacht den Gedanken gehabt, dem Stamm der Ghatafan ein Drittel der Dattelerträge Medinas als Abgabe anzubieten, damit dieser sich aus dem Kampf zurückzieht. Als er sich diesbezüglich mit seinen Gefährten beriet und ihnen von seiner Überlegung erzählte, sagten Usayd b. Hudayr (r.a.), Saʿd b. Muʿaz (r.a.), Saʿd b. Ubada (r.a.) und Umar (r.a.): „Wenn dies eine Anordnung Allahs ist, so tu dies! Wenn dir dies nicht befohlen wurde, es aber dein eigener Wunsch ist, so tu es ebenfalls! Wir hören und gehorchen. Doch wenn dies nur deine persönliche Meinung ist, so gibt es nichts, was wir ihnen gönnen, als das Schwert!“ Der Prophet antwortete: „Wenn mir etwas befohlen worden wäre, so würde ich mich diesbezüglich nicht mit euch beraten. Dies ist lediglich meine eigene Ansicht gewesen“, und fügte hinzu: „Dann möge es so sein!“, womit er ihre Meinung akzeptierte und seine eigene Idee aufgab.

Dass unser Prophet (s.a.w.) bei Bedarf in vielen Angelegenheiten seine Gefährten konsultierte, zeigt sehr deutlich, wie offen er für ihre Bitten und Vorschläge war. Wenn er zu bestimmten Fällen keine Offenbarung erhielt, beriet er sich gemäß dem Vers: „Und ziehe sie in der Sache zurate, aber wenn du einmal entschlossen bist, dann vertraue auf Allah“, oftmals mit seinen Gefährten. So sagte Abu Hurayra (r.a.): „Ich habe niemanden gesehen, der seine Gefährten so oft zurate zog wie der Gesandte Allahs.“ Aus diesem Grund resultieren zahlreiche Entscheidungen des Propheten und sogar manche seiner Sunnah (empfohlene Handlungen/Praxis) aus Beratschlagungen mit seinen Gefährten.

Der Gesandte Allahs (s.a.w.) legte großen Wert auf die Beratschlagung mit seinen Gefährten, berücksichtigte ihre Ideen, Meinungen und Vorschläge in allen Bereichen und nahm jene der ihm gegenüber geäußerten Anregungen an, die er als angebracht ansah. Als etwa Saʿd b. Muʿadh (r.a.) bei der Schlacht von Badr vorschlug, zum Schutz des Propheten eine Hütte zu errichten, stimmte er ihm mit Zufriedenheit zu. Die während der Kriegsvorbereitung zur Handak-Schlacht geäußerte Empfehlung Salmans (r.a.), einen Graben um die Stadt auszuheben, setzte er sofort um. Auch lehnte er den Vorschlag von Tamim ad-Dari (r.a) nicht ab, der ihm die Nutzung einer Kanzel nahelegte, weil er älter geworden war und die Zahl der Muslime stetig zunahm. Als er per Schreiben die Herrscher umliegender Staaten zum Islam einladen wollte, informierten ihn die Gefährten darüber, dass Nicht-Araber ungestempelte Briefe nicht akzeptierten, woraufhin er sich einen Stempel anfertigen ließ.

Es kam auch vor, dass Gefährten den Propheten in Bezug auf seine Bitten ihnen gegenüber fragten, ob dies eine verbindliche Anordnung sei oder nicht. Wie in unseren Quellen von Ibn Abbas (r.a.) überliefert wird, befreite Aischa (r.a.) ihre Sklavin Barira, woraufhin diese sich von ihrem Mann Mughis, der ebenfalls Sklave war, trennen wollte. Doch Mughis (r.a.) liebte seine Frau weiterhin und lief ihr in den Straßen Medinas weinend hinterher, mit der Bitte, ihn nicht zu verlassen. Schließlich kam Mughis zum Propheten (s.a.w.) und bat ihn um Hilfe: „Oh Gesandter Allahs, bitte vermittle für mich!“ Daraufhin riet der Prophet Barira (r.a.), ihre Ehe mit ihrem Mann fortzuführen, indem er sagte: „Barira! Fürchte Allah, er ist sowohl dein Ehemann als auch der Vater deines Kindes. Kannst du nicht zu ihm zurückkehren?“ Barira fragte anschließend: „Oh Gesandter Allahs! Ist dies ein Befehl?“, woraufhin der Prophet erwiderte: „Ich vermittle lediglich“, und sie dann sagte: „Ich brauche ihn nicht!“ Seine Verwunderung über ihre Entschiedenheit brachte der Prophet seinem Onkel Abbas (r.a.) gegenüber mit folgenden Worten zum Ausdruck: „Oh Abbas! Bist du nicht verwundert über die Liebe von Mughis gegenüber Barira und Bariras Hass gegenüber Mughis!“

Auch, wenn sie ihm äußerst verbunden waren, kritisierten die Gefährten hin und wieder manche Entscheidungen des Propheten. Nach einer Überlieferung von Anas b. Malik (r.a.) gab der Prophet (s.a.w.) einigen der Quraysch (deren Herzen er für den Islam gewinnen wollte) jeweils 100 Kamele aus der Kriegsbeute, die im Kampf gegen die Bani Hawazin erlangt wurde. Einige Gefährten von den Ansar, die an der Schlacht teilgenommen hatten, sagten daraufhin: „Allah vergebe dem Gesandten! Den Qurayschiten gibt er und uns lässt er aus. Obwohl ihr Blut noch von unseren Schwertern tropft.“ Der Gesandte Allahs (s.a.w.) erfuhr von diesen Worten und versammelte die Ansar. Als er ihnen sagte: „Ich gebe jenen, die sich erst kürzlich vom Unglauben lossagten, etwas (von den erbeuteten Gütern), um ihre Herzen (für den Islam) zu gewinnen. Seid ihr nicht zufrieden damit, dass, während diese Menschen mit den Besitztümern nach Hause zurückkehren, ihr mit dem Gesandten Allahs nach Hause gekehrt seid? Bei Allah, womit ihr nach Hause gekehrt seid, ist besser als das, womit sie nach Hause kehren“, antworteten sie: „Doch, oh Gesandter Allahs, wir sind zufrieden.“

Dass er bei der Eroberung Mekkas keine Vergeltung an den Quraysch übte, ihnen stattdessen vergab und Sicherheit sogar für all diejenigen versprach, die Schutz im Hause Abu Sufyans (r.a.) suchten, erweckte bei den Ansar den Gedanken, der Prophet werde wieder in seine Heimatstadt Mekka ziehen. Aus diesem Grund sagten manche von ihnen: „Ihn überkam die Sehnsucht nach seiner Heimat und die Barmherzigkeit seinem Stamm gegenüber.“ Daraufhin sprach der Gesandte Allahs (s.a.w.) zu ihnen. „Oh Ansar!“, und nahm ihnen dann mit folgenden Worten ihre Sorgen: „Wahrlich, ich bin der Diener und Gesandte Allahs, ich bin zu Allah und zu euch ausgewandert. Mein Leben und mein Tod werden mit euch sein.“

Von Zeit zu Zeit stellten die Gefährten auch diverse Vorgehensweisen des Propheten infrage. Als der Gesandte Allahs (s.a.w.) und die Gefährten sich im sechsten Jahr nach der Hidschrah auf den Weg machten, um die Kaaba zu besuchen, wurden sie von den Götzenanbetern Mekkas bei Hudaybiyya aufgehalten und mussten sich auf ein Abkommen mit ihnen einlassen. Diesem Vertrag, der dem Anschein nach sehr schwere Bedingungen enthielt und die Muslime benachteiligte, widersprach Umar (r.a.) und somit auch dem Propheten: „Bist du nicht der wahrhaftige Prophet Allahs? Sind wir nicht im Recht und unsere Feinde im Irrtum? Warum gehen wir Kompromisse ein bezüglich unserer Religion?“ Darauf antwortete der Prophet: „Ich bin der Gesandte Allahs und ich werde mich Ihm nicht widersetzen und Er wird mir helfen.“ Erst mit der Verkündung der Sure al-Fath, mit der der Sieg verheißen wurde, konnte sich Umar (r.a.) beruhigen.

Eines Tages entsandte der Gesandte Allahs (s.a.w.) Abu Hurayra (r.a.) mit den Worten: „Geh und verkünde, dass denjenigen, die fest daran glauben und bezeugen, dass es keinen Gott außer Allah gibt, das Paradies versprochen wurde!“ Doch als er dann auf Umar (r.a.) traf und ihm diese Aussage übermittelte, stellte sich dieser entschieden dagegen. Nachdem er erfahren hatte, dass dies eine Anordnung des Propheten selbst war, sagte er zu Abu Hurayra (r.a.): „Tue dies lieber nicht, denn ich befürchte, dass die Menschen darauf vertrauen und zu nachlässig werden könnten. Lass sie, sie sollen gute Taten verrichten.“ Daraufhin sagte der Prophet: „Dann lasst sie (gute Taten verrichten).“ Auch widersprach Umar (r.a.) dem Propheten (s.a.w.), als er das Totengebet für Abdullah b. Ubayy b. Salul verrichtete, obwohl dieser als Anführer der Heuchler (Munfiqun) bekannt war.

Wie aus diesen Beispielen hervorgeht, konnten die Gefährten dem Gesandten Allahs (s.a.w.) von Zeit zu Zeit in einer freundschaftlichen Weise widersprechen, etwa wenn sie die Intentionen und Handlungen des Propheten nicht begriffen hatten, manche Angelegenheiten nicht gänzlich verstehen konnten oder etwas als unvorteilhaft für das Gemeinwohl erachteten. Weil sie den Propheten sehr gut kannten, konnten die Gefährten in solchen Fällen bedenkenlos und offen mit ihm reden. Der Gesandte Allahs (s.a.w.) berücksichtigte neben ihrer Gläubigkeit, Aufrichtigkeit und Absicht auch das Temperament und die Gefühlslage seiner Gefährten, weshalb er manchen ihrer Widersprüche nachvollziehen konnte und sie annahm, manch andere hingegen mit Nachsicht und Verständnis lediglich zur Kenntnis nahm.

Es gab keine Distanz zwischen den Gefährten und dem Gesandten Allahs (s.a.w.), was ihre Kommunikation anbelangte. Für ihren Propheten, den sie mehr als ihr Leben liebten, empfanden sie unendlich viel Vertrauen, Liebe und Respekt. Sie waren ihm so sehr von Herzen verbunden, wie auch er ihnen verbunden war. Diese Beziehung formte die erste vorbildliche Generation der islamischen Gemeinde sowie das „Zeitalter der Glückseligkeit“ (Asr as-Saʿada). Daher stellt das innige Verhältnis zwischen den Gefährten und dem barmherzigen Gesandten ein perfektes Beispiel im Hinblick auf die zwischenmenschlichen Beziehungen der Muslime dar. Und gerade heute ist der Bedarf an innigen Beziehungen so hoch wie noch nie zuvor.